Kritisches Denken, kritisches Schreiben

„Kritisches Schreiben ist das Ergebnis von kritischem Denken.“
So einfach könnt‘ ich’s mir machen.
Die Praxis als kritische Bloggerin gibt diese Einfachheit aber nicht her.

Für das eigene kritische Denken reicht es ja im Einzelfall aus, eine bestimmte Sache in einem vorhandenen Bezugsrahmen an vorhandenen Maßstäben zu messen. Diesen Vorgang braucht man sich kaum bewußt machen.
Wenn ich aber das Ergebnis verständlich und nachvollziehbar, ja womöglich überzeugend kommunizieren will, muß ich auch die Maßstäbe offenlegen, anhand derer ich zu einer kritischen Bewertung gekommen bin.
Schließlich ist es eine sinnlose Quälerei, den Finger in die Wunde zu legen, wenn dabei nicht auch der ganze Eiter rausfließt.

Kritisches Schreiben zwingt mich, meine kritischen Gedanken explizit zu formulieren, und so zu begründen, daß auch andere sie nachvollziehen können, selbst dann, wenn die Leserinnen meine Grundüberzeugungen gar nicht teilen.
Kritisches Schreiben muß nicht nur das Ergebnis meines kritischen Denkens transportieren, es muß den Leserinnen wiederum eigenes kritisches Denken ermöglichen, es muß diesen Prozeß selbst transparent machen.
Ein kritischer Text muß es der Leserin ermöglichen, sowohl die Maßstäbe als auch ihre Anwendung als auch das Ergebnis jeweils einzeln abzulehnen, denn nur so hat die Leserin auch die Möglichkeit, sich all das zu eigen zu machen.
Vernebelung und Manipulation sind damit nicht vereinbar.
Zuspitzung, Polemik und Emotionalisierung müssen sich im Anwendungsfall daran messen lassen, ob sie jeweils geeignet und darauf ausgerichtet sind, zu vernebeln, oder zu beleuchten.

Genausowenig kann ich es mit kritischem Denken und Schreiben vereinbaren, das Ergebnis schon durch Definition vorwegzunehmen. Eine Definition, die besagt, kritisches Denken dient immer dieser oder jener Sache, widerspricht der kritischen Eigenschaft des Denkens.
Unabhängig davon ist kritisches Denken geeignet, Bullshit und Verarschung entgegenzuwirken. Wenn ich Menschen von einer Sache überzeugen will, die sich gegen deren eigene Interessen richtet, bin ich aber auf Bullshit und Verarschung angewiesen (solange ich nicht offen Gewalt anwenden kann oder will).
Es überrascht daher nicht, wenn kritisches Denken de facto nicht gleichmäßig über das gesellschaftliche und politische Spektrum verteilt ist.

So weit mal die Theorie. In der Praxis kann und will ich nicht mein komplettes Weltbild beschreiben, wenn ich eine bestimmte Sache kritisiere, und selbst wenn ich das wollte, würde es niemand lesen wollen, erst recht nicht jedes Mal.
Zudem teilen meine Kritik an einer bestimmten Sache vermutlich viel mehr Menschen als die paar, die auch mein komplettes Bezugssystem teilen.

Hier hilft kein Patentrezept und kein Defätismus, sondern der Anspruch, kritische Denkprozesse nachvollziehbar zu machen, und der Anspruch, einen lesbaren Text zu schreiben, existieren halt beide.

Das kritische Schreiben wirkt auch auf das kritische Denken zurück. Leider, denn an dieser Schnittstelle verursacht es eine Schweine-Arbeit. Es ist in der Praxis absolut zweierlei, selbst irgendeine Sache gut oder nichtgut zu finden, und anderen zu erklären, warum diese Sache gut oder nichtgut ist.
Wieso finde ich diese Sache eigentlich so gut / nichtgut?
Gemessen woran?
Wirklich kritisches Denken bedeutet, nicht nur Sachen an bestimmten Maßstäben zu prüfen, sondern genauso auch umgekehrt, die eigenen Maßstäbe und das eigene Bezugssystem an den konkreten Angelegenheiten zu überprüfen, mit denen man sich befaßt.
Dabei geht man dann auch das Risiko ein, daß das eigene Weltbild einer solchen Überprüfung nicht standhält.
Kritisches Denken ist daher nichts für Weicheierstöcke.

Wenn man andererseits bestimmte Grundüberzeugungen voraussetzt, schreibt man nur für diejenigen, die diese teilen, und sie streng genommen auch selbst anwenden könnten.
Im positiven Fall führt das zum Durchdeklinieren von Bezügen zwischen diesen geteilten Überzeugungen und der kritisierten Sache, und das halte ich für völlig legitim und auch notwendig.
Im negativen Fall wird eine Scheißhausparole geboren.

Beim kritischen Schreiben muß ich also meine Maßstäbe benennen, sie anwenden, welche auswählen und sie transparent machen, und dabei einen lesbaren Text erzeugen.
Es geht weit über das kritische Denken für den Eigenbedarf hinaus.

Die Faulheit diktiert, sich diese Mühe inklusive der Niederschrift nur dann zu machen, wenn man glaubt, daß sie irgendeinen Wert hat. Der kann natürlich auch darin liegen, sich selbst über etwas klarzuwerden oder Gedanken, die man sowieso mit anderen teilt, mal übersichtlich an einem Ort darzustellen. So ermöglicht man (im Erfolgsfall) anderen, sich darauf zu beziehen und von dort aus weiterzudenken, oder auch, Differenzen klarer zu bekommen und eine andere Meinung weiterzuentwickeln.
Ich selber bin zugegebenermaßen auch dazu meist zu faul, sondern mache mir die Arbeit kritischen Schreibens meist in einem von zwei Fällen:
Erstens, wenn ich den Eindruck habe, daß ein bestimmter Gedanke von den einen für so selbstverständlich gehalten wird, daß sie nie auf die Idee kämen, ihn zu äußern, während andere nie von selber auf die Idee kämen, so zu denken.

Den Versuch, „einfach“ hinzuschreiben, was man für selbstverständlich hält, und zwar so, daß es auch für diejenigen nachvollziehbar ist, denen der betreffende Gedanke bis zu diesem Zeitpunkt völlig fremd war (und von denen die Hälfte ihn bloß deswegen ablehnen werden), halte ich für sehr lehrreich.

Zweitens, wenn etwas fehlt.
Wenn eine Diskussion Lücken, eine Argumentationslinie Brüche hat, oder eine Diskussion, die mit notwendig erscheint, gar nicht stattfindet, ein Punkt, der mir essentiell erscheint, gar nicht benannt und begriffen wird, dann denke ich kritisch darüber nach und versuche, die Lücke zu füllen, den Punkt zu klären, die Diskussion anzustoßen. (Ich sage ja nicht, daß mir das gelingt, sondern nur, daß es das Ziel ist!)

Dinge präzise zu begreifen und zu benennen, die bisher nicht benannt und begriffen sind, das ist eigenes kritisches Denken.
Überlegungen anzustellen, die niemand kennt und niemand teilt, kann ganz schön einsam sein.
Richtig furchterregend ist es, solche Überlegungen zu äußern.

Mut machen sollte dabei (neben der Erfahrung, daß man meist überlebt) die eigene Ehrlichkeit, das heißt, daß man „nach bestem Wissen und Gewissen“ wirklich das schreibt, was man selbst auch bei kritischer Betrachtung der eigenen Maßstäbe überzeugend findet; die Überlegung, daß auch der Rest der Welt beim Lesen nicht vom kritischen Denken entschuldigt ist, sondern eine eigene Verantwortung dafür trägt, was er sich zu eigen macht und was nicht; und die Hoffnung, daß, sollte man wirklich mal Blödsinn geschrieben haben, jemand netterweise darauf hinweist.

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