Ist Quitter eine Alternative zu Twitter?

Die Frage nach einer Alternative zu Twitter wird immer dringlicher. Twitter verändert sich, und zwar nur in eine Richtung.

Die Timeline voller Werbung, Twitter wählt Tweets aus und platziert sie ganz oben in der Timeline, zuletzt wurde in die Ausdrucksmöglichkeiten der Nutzenden eingegriffen, als der Stern zum Favorisieren durch ein Herz zum Liken ersetzt wurde.

Der nächste Plan ist nun, die Timeline gar nicht mehr chronologisch zu ordnen, sondern nach irgendwelchen anderen Kriterien.

Dies wird offenbar gerade getestet, und diejenigen, an denen es ohne ihr Einverständnis getestet wird, sind entsetzt.

Das Entsetzen der Community wird Twitter jedoch kaum aufhalten, wenn das Unternehmen der Meinung ist, auf diese Weise mehr Geld zu verdienen.

Ich selbst hab mir schon bei der Herzchen-Sache einen Quitter-Account zugelegt.

Ein Twitter-Profil habe ich aber noch, für die Sachen, die ich auf Quitter (noch) nicht machen kann.

Nachrichten: Auf Twitter kann ich damit rechnen, daß meine umfangreiche TL mich über alles informiert, was ich auch wissen will.

Ereignisse: Bei allen möglichen Ereignissen gibt es sofort einen regen Meinungsaustausch, und sobald Medienberichte verfügbar sind, kriegt man es sofort mit. Wenn man will.

Die Begrenzung auf 140 Zeichen macht eine Vielstimmigkeit möglich (d.h. die ich auch wahrzunehmen schaffe), die ich in dieser Form sonst nicht kenne, nicht zuletzt weil man gar nicht allem zuhörtechnisch gerecht werden kann, was so viele Leute zu sagen haben.

Und nach einer Weile Twitternutzung ist es ja echt erstaunlich, wie viel man in 140 Zeichen packen kann.

BAMS trollen: auch eine Sache, die auf Quitter erstmal nicht gehen wird, erstens, weil das BMAS (= Bundesministerium für Arbeit und Soziales) nicht dort ist, aber auch, weil das Publikum nicht dort ist, ohne welches sowas gar keinen Sinn macht.

Hier ein paar Beispiele:

Meine HartzIV-Blase: Die Leute, denen ich folge, um mich über HartzIV auszutauschen, und die Leute, die mir aus diesem Grund folgen.

Alles Dinge, die eigentlich von den anderen UserInnen abhängen, nicht von Twitter, nur daß Twitter das eben ermöglichen muß.

Doch Twitter baut gerade genau die Eigenschaften ab, die mich (und andere) da hingezogen haben, und das geht ja weiter. Deswegen werden auch andere vielleicht bald eine Alternative suchen, und ich schlage vor, dafür in der Breite Quitter bzw. Gnusocialnet zu nutzen.

Je mehr Personen sich für Gnusocialnet entscheiden, desto sinnvoller wird diese Entscheidung für alle.

Während ich das schreibe, erzählen mir gerade zwei Leute auf Quitter, wie sie vor kurzem ihre Twitter-Accounts aufgegeben und alle ihre Tweets gelöscht haben.

Quitter

Einige aus meiner Timeline waren schon “zu Quitter gegangen”.

Ich dachte daher, ich mach ne Suche nach “Quitter” und finde Quitter.com oder .org oder .net oder was Ähnliches als erstes Suchergebnis.

Hier meine wichtigste Erkenntnis:
Es heißt gar nicht Quitter. Es heißt eigentlich

Gnusocialnet

Das Gnusocialnet besteht nicht aus einem Unternehmen, das seine Software auf seinen Servern zur Verfügung stellt, sondern aus vielen voneinander unabhängigen Servern, die von Freiwilligen betrieben werden.

Also, technisch gesehen. In Wirklichkeit besteht es auch aus den Menschen, die es nutzen, und dem, was sie / wir dort miteinander machen.

Die Server werden mit der freien Software StatusNet betrieben (Update: ich wurde informiert, daß die Software früher so hieß, aber jetzt: „GNU Social“), die es jeder ermöglicht, sich einen Server aufzusetzen, Gnusocialnet von dort aus zu nutzen, und das auch andere mitnutzen zu lassen.

Die verschiedenen Server heißen auch “Instanzen”.

Deswegen braucht auch nicht jede einen eigenen Server: Es gibt einige Server, auf denen man sich einfach ein Profil anlegen kann, ohne irgendwen um Erlaubnis zu fragen, andere, bei denen man eine Mail an die admin schreiben muß, und ein paar, die jemand ausschließlich für sich selbst betreibt.

Das Coole ist jetzt, daß alle NutzerInnen sich gegenseitig folgen können, egal auf welcher Instanz das Profil ist. Das ist das Gnusocialnet.

Die Instanzen sind auf der ganzen Welt verteilt, und so kann es sein, daß man irgendein Profil anklickt und sich plötzlich auf einem ganz anderen Server in einem ganz anderen Land wiederfindet.

Dann nicht erschrecken, das muß so.

Werden auf einer Instanz zum Beispiel Gruppen angelegt, können auch die UserInnen aller anderen Instanzen dort Mitglieder werden.

Übrigens, Quitter heißen
a) ein paar von den Instanzen (z.B. quitter.se, quitter.is, quitter.no)
b) die neuere Benutzeroberfläche (Update: streng genommen, heißt sie „Qvitter“)

Bei Quitter einsteigen

Als erstes sucht man sich eine Instanz aus.

Man nimmt entweder einfach die, auf der schon die Bekannten ihre Präsenz haben, oder man sucht sich in einer Liste eine aus.

Hier und hier gibt es Listen. (Update: und hier)

Einige Instanzen begrenzen die Zeichenzahl nicht auf 140. Ich finde das persönlich schade, aber viele freuen sich auch drüber, und es scheint für manche ein Kriterium zu sein.

Ein anderes könnten Datenschutzerwägungen sein, die in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich ausfallen können.

Ich hab mir auf der ersten Instanz ein Profil angelegt, über die ich gestolpert bin, und bin damit voll zufrieden.

Timelines

Zusätzlich zur eigenen Timeline und den eigenen Mentions hat im Gnusocialnet jede Instanz eine gemeinsame TL aller ihrer UserInnen, und eine TL, in der dazu noch die Followees posten, die ihr Profil auf anderen Instanzen haben.

Es gibt auch Hashtags, die scheinen aber nicht so eine Power zu entfalten wie manch ein Hashtag auf Twitter.

Kein Wunder, dafür braucht es auch riesige Massen von NutzerInnen.

Favorisieren

Gnusocialnet wird nie so dämlich sein, die Sterne gegen Herzchen auszutauschen, und vor allen Dingen wird so etwas nie aus Gewinnstreben passieren.

Stattdessen super-niedlicher, wenn auch völlig überflüssiger Fluff: In den Mentions werden sternförmige, gelblich gefärbte Ausschnitte aus den Avataren der Favvenden angezeigt, so daß jeder Account mit seinem eigenen Stern favvt!

Sieht so aus:

Gruppen

Dann gibt es noch die Gruppen.

Mit Hilfe eines Bangtags (wie ein Hashtag, aber mit “!” statt “#”) kann man in die TL einer Gruppe posten, wenn man dort Mitglied ist.

Als Mitglied bekommt man auch alle Posts in die TL, die von anderen Mitgliedern an die Gruppe gehen.

Man kann auch solchen Gruppen beitreten, die auf anderen Instanzen liegen. (Das geht so: pdf.)

Es gibt zum Beispiel eine !welcome-Gruppe für alle, die neu auf Gnusocialnet sind.

Mobil

Für Smartphone-Besitzende scheint es ziemlich wichtig zu sein: Ja, man kann das auch mit einer mobilen App nutzen, sie heißt Andstatus, und mehr weiß ich nicht darüber.

(Update: Nein, es gibt mehrere Apps und Clients, hier ist eine kommentierte Liste, mit Screenshots)

Meine Eindrücke nach einem Monat

– Ich finde es im großen und ganzen sehr nett im Gnusocialnet.

– Man merkt, daß die Nutzungszahlen nicht zu vergleichen sind. Die Timeline ist sowohl internationaler wie auch nach Interessengebieten viel breiter.

– Daß nur wenige das nutzen, kann sich natürlich nie ändern, wenn alle es deswegen nicht nutzen, weil nur so wenige es nutzen.

Was ich dort mache

Ich hab als erstes natürlich Gruppen gegründet: Eine zu HartzIV, quasi für den deutschsprachigen Raum, und eine internationale zum Thema Armut.

Mein Quitter-Profil ist mehr allgemein zum Quatschen, wogegen auf Twitter der Plan für mein Profil war, daß es möglichst um HartzIV gehen sollte.

Auf Quitter kann ich alles, was damit zu tun hat, über die zwei Gruppen kommunizieren, und wer nur das haben möchte, folgt den Gruppen und nicht mir.

Update: Für mehr Informationen gibt es hier ein deutschsprachiges und hier ein englischsprachiges Wiki. Außerdem habe ich angefangen, eine englischsprachige Schritt-für-Schritt-Anleitung zu schreiben

Update: Hier erklärt eine Bloggerin, warum sie ihre Blogposts gar nicht mehr auf Twitter ankündigt, sondern nur noch auf GNU Social

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2 Gedanken zu “Ist Quitter eine Alternative zu Twitter?

  1. Ich mache mal den Erbsenzähler 🙂

    Die Software heißt nicht „Gnusocialnet“ sondern „GNU Social“. Frühere Versionen hießen „Status.net“. „Quitter“ ist der Name einiger bekannten GNU Social-Servers, die in der Regel die Oberfläche mit dem Namen „Qvitter“ benutzt.

    Neben den Servern mit „Quitter“ im Namen gibt es auch Server wie gnusocial.de

    Das Zeichenlimit kann individuell pro Server eingestellt werden. Auf Wunsch eines meiner User habe ich auf meinen Servern z.B. ein Limit von 640 Zeichen eingestellt.

    So oder so kann ich den Leuten aber echt empfehlen, hier vorbeizuschauen. Es ist eine tolle Community.

    Gefällt mir

  2. Hi Christel,

    ob Quitter bzw. GNU Social nun eine Alternative zu Twitter ist oder nicht (oder werden kann), hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen, ob man mehr den Broadcasting-Stil von Twitter oder den Gespächsstil von GNU Social mag. Zum anderen, ob man die Themenvielfalt auf Twitter oder die Intensität der Diskussionen auf GNU Social bevorzugt. Aber besonders, ob man als Newbie bereit ist, sich auf die sehr umständliche Bedienung von Quitter / GNU Social einzulassen und einiges Sitzfleisch entwickelt, bis man im Groben verstanden hat, wie die Sache funktioniert..

    M.E. ist dies der Knackpunkt und der Grund, warum in den Übertrittswellen der Vergangenheit die meisten Wechsler wieder zu Twitter zurückgekehrt sind. Der Umständlichkeit in der Bedienung, der Menge, die man wissen muß, um auch nur die einfachsten Dinge gebacken zu bekommen, der geringen Teilnehmer- und Themenzahl (im Vergleich zu Twitter) steht kein erkennbarer Nutzen gegenüber.

    Zur Illustration möchte ich ein paar Schwierigkeiten mit GNU Social kurz nennen, ohne sie eigens zu vertiefen.

    1) Das wesentliche technische Problem mit GNU Social und den verschiedenen Instanzen bildet die „Federation“, d.h. der (technische) Zusammenschluss und die Art, wie selbstständige Instanzen miteinander kommunizieren können. (Details zur „Federation“ z.B. hier: https://quitter.se/doc/faq#faq-2)

    2) Man kann zwar allen Leuten auf allen Instanzen folgen, aber das ist das geringste Problem. Viel schwieriger ist, daß man nicht ohne weiteres jemanden auf einer anderen Instanz adressieren, antworten, favorisieren oder dessen Nachricht wiederholen kann. Da die Instanzen von einander unabhängig sind und nur über Following-Relationen der User miteinander verbunden sind, ist es die Regel, daß Instanzen-übergreifende Konversationen unvollständig wiedergegeben und nicht alle posts angezeigt werden, die „eigentlich“ Teil des Gesprächs sind — sie werden von den einzelnen Instanzen nur unzureichend, teilweise unterschiedlich und nie im Ganzen „gesehen“. Im Endeffekt muß man für ein Gesamtbild des Gesprächs alle beteilgten Accounts aufrufen und gucken, ob man nicht irgendein post übersehen hat. Das ist, gelinde gesagt, mühselig. (Und dann kommt noch hinzu, daß nicht immer alle posts in die beteiligten Instanzen weitergeleitet werden, was entsprechende Fragezeichen provoziert.)

    3) Blocken ist ein anderes Problem. Auf Twitter sorgt das Blocken dafür, daß der Geblockte aus der Timeline vverschwindet und ufür eien unsichtbar wird. Auf GNU Social hingegen sorgt Blocken nur dafür, daß der Geblockte einen nicht mehr adressieren oder einem antworten kann; seine anderen posts bleiben aber weiterhin sichtbar, sei es als eigenständige posts in der öffentlichen Timeline, als post auf die jemand antwortet dem man folgt, oder weil sie von jemandem den man folgt repeated werden. Das kann im besten Fall nerven und bietet keinen Schutz vor Belästigungen.

    4) GNU Social wirbt damit, daß es eine Micoblogging-Plattform sei, die auf freier Software basiere und in der jeder Benutzer Kontrolle über seine Daten habe. De facto sind dem einzelen Nutzer aber die eigenen Daten gar nicht zugänglich, da sie auf den Servern der Instanzen liegen. Kontrolle über die eigenen Daten hätte man nur, wenn man selbst ein Instanz aufsetzen würde — und bereit wäre, sich entsprechend viel Wissen anzueigenen. Manche sind dazu bereit, die meisten jedoch nicht, mit dem Ergebnis, daß in den Timelines technik-affine Gespräche und Meta-Diskussionen über die Funktionsweise und Probleme von GNU Social die Oberhand nehmen.

    Diese vier Punkte sollen mal ausreichen um zu verdeutlichen, daß man sich mit dem Wechsel zu GNU Social einige Eier auf die Schiene nagelt. Man sollte vielleicht vorher entscheiden, ob sich der Aufwand lohnt. Belohnt wird die Mühe schon — mit Gesprächen und Kontakten, die man so auf Twitter nicht findet.

    Zu guter Letzt: Mit einem Adblocker läßt sich Twitters Werbung und mit stylesheet auch der preview der Bilder und Videos ausblenden. Daß von Twitter die Chronlogie der Timeline geändert wird, ist ärgerlich, aber nicht sehr viel anders als das gängige Aktualisieren der Timeline, in der häufig tweets zeitlich versetzt auftauchen, die man zuvor, zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung, nicht sehen konnte.

    Und wegen der Herzchen statt der Sterne — die waren (und sind) die default-Einstellung in StatusNet/GNU Social ! Nur Quitter paßte sich hier Twitter an, und vielleicht hat Twitter ja das Herzchen von GNU Social geklaut. 😉 Sollten einen die Herzchen nerven, kann man sie aber ohne weiteres mit einem stylesheet wieder in Sternchen rückverwandeln.

    Beste Grüße
    simsa0/1

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